…und seine Hintergründe. Mehr als ungewöhnlich sieht es aus, weiß mit wirren Linien. Auf den ersten Blick Gekritzel, entfaltet sich dann eine spannende Geschichte. Dieses Gewand ist als geschicktes Upcycling aus einem Hungertuch entstanden. Grundlage ist das Motiv von 2021/22, „Die Kraft des Wandels“ der chilenischen Künstlerin Lilian Moreno Sánchez. In den wilden Linien ist ein Fuß zu erkennen, eine Nachzeichnung eines Röntgenbildes. Dieser Fuß ist gebrochen – war es ein Unfall oder Gewalt?

„Das Thema der Passion, des Leidens, des physischen und damit auch seelischen Verletztseins durchzieht das gesamte Oeuvre der Künstlerin. Vor dem Hintergrund der wechselvollen Geschichte ihrer Heimat Chile gehört zum Leid der Opfer von Gewalt auch die Frage nachdem Täterinnen und Tätern, nach den Schergen der Diktatur Pinochets oder einer Polizeigewalt, die seit 2019 in Santiago brutal gegen Demonstrierende vorgeht. Gewalt und Verletzung sind aber nicht nur mit Misshandlungen durch Polizei oder Militärs verknüpft. Gewalt und Verletzung sind oft auch Folgen gesellschaftlicher Entwicklungen.“ (Prof. Dr. Claudia Höhl, Diözesanmuseum Hildesheim)
Zunächst also macht das Hungertuch das Leiden eines anonymen Opfers sichtbar und erkennt es an. Die Vertuschung zu verhindern ist eine Form des Mitgefühls und des Protestes. Es ist der Ruf nach Solidarität und Strafverfolgung; da ist der Wunsch nach Recht und Gerechtigkeit, nach Frieden in Freiheit. Könnte an dem Punkt Veränderung beginnen? Könnte hier die „Kraft des Wandels“ entstehen, dass wir es nicht mehr ertragen, dass Menschen durch Unterdrückungssysteme ‚unter die Räder kommen‘? Könnten wir uns solchen Vorgängen in den Weg stellen? Wäre ein Miteinander denkbar, das nicht oppressiv verletzt, sondern achtungsvoll Freiheit lässt, nach dem Psalmwort „du stelltest meine Füße auf weiten Raum“ (Ps 31,9)?
Gewänder, die neugierig machen, die „modern“ aussehen, einen eigenen Glaubensimpuls in sich tragen – sollte das nicht der liturgische Standard sein?
Dieses Messgewand entstand durch die künstlerische Arbeit von Claudia Nordemann von der Nähwerkstatt „Ich war einmal“ (Caritas Ostfriesland). Wie das ursprüngliche Tuch verkörpert es eine gläubige Hoffnung, die über die harte Realität hinausweist, die uns zum Handeln, zur Veränderung aufruft und die Richtung zeigt, in die es gehen müsste. Als Hoffnung auf ein gutes Ende, als dessen gläubige Vorwegnahme eignet es sich als Gewand für Festtage (wie auch fürs Requiem), als Mahnung zur Achtung des Lebens, zur Umkehr taugt es genauso als Gewand für die Fastenzeit. Als kluges Geschenk von lieben Freunden trage ich es mit Stolz und Rührung.
Ein persönlicher Gedanke: Gewänder, die neugierig machen, die „modern“ aussehen, einen eigenen Glaubensimpuls in sich tragen – sollte das nicht der liturgische Standard sein? Allzu oft sehen wir in unseren Gottesdiensten abgetragene, jahrzehntealte Paramente, eine blasse, müde Routine…

Misereor-Hungertuch 2021/22: „Du stellst meine Füße auf weiten Raum – die Kraft des Wandels“, Lilian Moreno Sánchez

Kasel Vorderansicht

Kasel Rückansicht




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