Mach was, Kirche!

Mach was, Kirche!

20. November 2020 0 Von Marius Fletschinger

Schätze vergraben, ganz dumme Idee. In Zeiten der Pandemie ganz besonders. Ich fürchte, als Kirche verwalten wir die vielen großartigen Sachen, die uns anvertraut sind, eher antiquarisch. Ob aus Angst vor „der Welt“, oder aus Sorge, etwas falsch zu machen: Wir machen nichts draus. Oder viel zu wenig. Jesus fand das schon mal schlecht. Meine kritische Anfrage von Mt 25 aus (wo jemand sein Talent vergräbt)…

Ich befürchte, es wird ganz, ganz viele Menschen geben, die, wenn dieser ganze Mist einmal irgendwann hoffentlich rum ist, sagen werden: „Ja, es war Krise, aber von Kirche habe ich nichts mitbekommen. Keine Ahnung.“

Mit dem Sachen aufbewahren ist es ja so eine Geschichte.

Ich habe z. B. 2 volle Pakete Lasagne-Blätter und 3 unangebrochene Päckchen Rohrzucker. Weil ich sie in meinen Schrank räume, dann nicht mehr sehe und vergesse. Bis ich wieder beim Einkaufen denke, dass ich z. B. Rohrzucker brauche.

Ich besitze auch, wie ich seit Neuestem wieder weiß, eine Packung Feigen. Die besitze ich nicht erst seit gestern oder vorgestern. Ich habe sie gut aufbewahrt bei mir. Inzwischen sind sie ziemlich hart. Sie sind sogar eine Art von Karikatur von dem, was Feigen eigentlich sind. Man erkennt schon, es sind Feigen, aber wenn man sie so anstupst,  oder den Impuls hat, reinbeißen zu wollen, kommt das Zögern, ist man sich nicht mehr so sicher. Sie sehen auch ein bisschen komisch aus, finde ich. Also nicht so ganz normal. Aber gut, was langweile ich Euch mit meinen persönlichen Feigengeschichten. Trotzdem, dazu später mehr.

Na ja, also Dinge aufbewahren, aus mir Anvertrautem etwas machen.

Man kann ja in verschiedene Richtungen spekulieren, was dieses Gleichnis, das Jesus erzählt, genau meint. Aber angenommen, es wäre von der Kirche die Rede, der ein riesiger Schatz anvertraut wird, nämlich:

  • all die Geschichten, die in der Bibel stehen,
  • all die Lebenserfahrung, die da drin ist,
  • all die Hoffnung, die das bringt.
  • Das Beispiel Jesu, wie er sein Leben gelebt hat – sein Lebenszeugnis bis zum Tod -,
  • die Geschichte von vielen Menschen danach auf dieser Erde, die sich dieser Botschaft verschrieben haben, die aus ihr Kraft und Hoffnung und Zuversicht und Trost und vieles mehr gezogen haben,
  • die darin Inspiration fanden, ihr Leben zu gestalten, das Gemeinschaftsleben zu gestalten und Gutes, Gutes, Gutes zu tun.

Angenommen, das wäre so.

Und nun kommt nach langer, langer Zeit der Herr zurück und will sehen, was die Kirche mit all diesen Schätzen angefangen hat. Wie sie gewirtschaftet hat. Und wir als Kirche müssten sagen, dürften sagen: „Wir haben es getreulich bewahrt. Wir haben alles ganz sicher vergraben – wir wissen die Stelle aber noch – Moment, hier, unberührt wieder zurück. Genauso wie es damals war!“ Und vieles wäre komplett gleich geblieben. Z.B. dass es damals 12 Apostel waren. Und wir würden sagen: „Es sind immer noch nur Männer; da haben wir uns klar dran gehalten. Warum auch immer. Wir wissen es zwar nicht, aber Du wirst Dir was dabei gedacht haben, und wir haben es genauso weiter gemacht. So, wie wir es schon immer gemacht haben, so machen wir es auch jetzt noch.“

Ehrlich gesagt, wenn ich jetzt so auf die Pandemie schaue, dann überkommt mich das ungute Gefühl, dass wir derzeit als Kirche ähnlich ängstlich, defensiv handeln. Diese ganze Geschichte passt so deutlich dazu, vom Aufbewahren und von diesem Diener, der alles versteckt hat, weil er es aus Angst tut.

Mir scheint, das Wort Angst ist wirklich das zentrale Wort in der Geschichte. Und man kann auch jetzt in dieser Pandemie natürlich Angst haben. Es ist sogar ziemlich naheliegend. Man kann krank werden, ohne dass man weiß warum. Man kann auch krank werden und genau wissen warum, okay, aber das macht es nicht besser. Man kann seinen Job verlieren, man kann sein Lebensprojekt verlieren – gerade als Künstler oder so. Man kann sich Sorgen machen um den sozialen Zusammenhalt in dieser Welt, in unserer Gesellschaft. Man kann sich Sorgen machen oder Angst haben um die, die keine solche medizinische Versorgung haben wie wir. Und viele, viele Gründe mehr. Angst um unser Leben, Angst um das unserer Angehörigen – ohne Frage. Absolut berechtigt.

Aber so als Kirche treten wir nicht fürchterlich in Erscheinung, glaube ich. Ich befürchte, es wird ganz, ganz viele Menschen geben, die, wenn dieser ganze Mist einmal irgendwann hoffentlich rum ist, sagen werden: „Ja, es war Krise, aber von Kirche habe ich nichts mitbekommen. Keine Ahnung.“

Und man wird dann auch die Frage stellen können: Wenn in der Krise ihr nicht sichtbar seid, wofür braucht man euch eigentlich? Denn in Zeiten wo es uns schon gut geht, brauchen wir die Hilfe der Kirche gar nicht so dringend.

Vergraben wir also unsere Schätze? Wäre jetzt nicht die Zeit, die Schatulle zu öffnen, auf Menschen zuzugehen und uns als Kirche die Frage zu stellen: Wie können wir eigentlich unsere Schätze jetzt einbringen, in diese Gesellschaft?

Vergraben wir also unsere Schätze? Ich denke z. B. an unsere Gebäude, an das ganze Geld, was wir immer noch haben, an die Kirchensteuer, an Ressourcen, an Personal und sehe dann gleichzeitig, dass nicht einmal geistliche Gemeinschaften, die nicht zu unserer Pfarrei gehören, unsere kirchlichen Räume nutzen dürfen. Dass wir extrem vorsichtig sind, um alles richtig zu machen, strenger als die staatlichen Vorgaben, und aus dieser Vorsicht heraus, fürchte ich, kann man auch einiges falsch machen. Wäre jetzt nicht die Zeit, die Schatulle zu öffnen, Leute in unseren Kirchen proben zu lassen, auf Menschen zuzugehen und uns als Kirche die Frage zu stellen: Wie können wir eigentlich unsere Schätze jetzt einbringen, in diese Gesellschaft?

Während des Lockdowns im März habe ich mich ein bisschen blöd gefühlt, weil ich bei meinen Eltern im Garten saß, im Sonnenschein, schön geschützt durch mein beamtenähnliches Gehalt und konnte eigentlich überhaupt nichts beisteuern, dass diese Pandemie schneller zu Ende geht. Ich bin kein Naturwissenschaftler, bin kein Arzt, kein Virologe. Ich kann irgendwie überhaupt nichts Relevantes, Systemrelevantes beisteuern als Geisteswissenschaftler und Christ und Priester, dass wir diese Pandemie überstehen. Oder vielleicht doch? Also, so tröste ich mich auf jeden Fall: Dass ich vielleicht Trost geben könnte, oder versuchen könnte, Menschen zu ermutigen, oder mit Menschen zusammen irgendwelche guten Ideen entwickeln, wie wir zusammen leben in dieser Pandemie und später.

Am Ende nicht ausreichen, dass wir sagen: Ja, in den Krisenzeiten war ich doch ansprechbar! Z.B. freitags von acht bis halb elf war ich immer im Pfarrbüro. Was nebenbei derzeit für den Öffentlichkeitsverkehr gesperrt ist…

Also, im Blick auf die Kirche habe ich die starke Befürchtung, dass wir nicht die Zuversicht in die Gesellschaft einbringen, die eigentlich unsere wäre. Im Timotheusbrief heißt es: „Gott hat uns seinen Geist geschenkt. Deshalb sollen wir nicht verzagen, sondern mit Kraft, Liebe und Besonnenheit handeln.“ Besonnenheit ist ein gutes Stichwort, weil ich überhaupt nicht dagegen spreche, dass wir vorsichtig sind, dass wir vernünftig handeln. Ich bin dafür, dass wir besonnen sind! Aber ich bin auch dafür, dass wir wirtschaften und versuchen, die Kräfte, die wir haben, auch allen zur Verfügung zu stellen.

Ja, und jetzt noch einmal zu meinen Feigen. Ich habe mir gedacht, sie sehen ein bisschen gruselig aus und so kann ich sie auf keinen Fall essen. Dann hatte ich eine spontane Eingebung und habe sie in ein Glas mit Rum getan. Und siehe: am dritten Tag… Neuschöpfung! Erkenntnis – Feigen in Rum! Macht die Feigen lecker und der Rum profitiert auch. Die Bibel hat Recht: ein guter Hausherr fügt Neues und Altes zusammen.

Mein Standard-Nachtisch ist zur Zeit Vanilleeis mit Sahne und: Rum-Früchten. Kann ich Euch nur empfehlen!

Kannte ich bis vor kurzem nicht, habe ich als Möglichkeit nicht gesehen, aber jetzt entdeckt, und ich sage Euch: auch das, was wir bisher nicht geahnt haben, auch das, was wir gut verwahrt haben, und vielleicht zu gut verwahrt haben, auch das bietet noch Perspektiven. Liebe Kirche, lass uns Rum-Früchte machen!

MF, Predigt zum 15.11.2020, Katholische Hochschulgemeinde Mannheim

Bild: Yury Manulenko, unsplash.com