Bildmeditation: der Mensch

Bildmeditation: der Mensch

23. Dezember 2020 0 Von Marius Fletschinger

Detail: Sebastian Schrader, Oblomow 1, 2012

Das vollständige Bild gibts hier.

(Weihnachtliche?) Betrachtung über den Menschen.

Huch!? Ist das eine Straßenszene, sitzt da ein Obdachloser? Aber was macht die Krone da? Auf den zweiten Blick wird deutlich, wir sind in einem Künstler-Atelier, es ist doch keine Armuts-Szene, jedenfalls sitzt der Typ nicht auf der Straße. Der Blick nach innen gekehrt; könnte sein, er ist erschöpft – oder mitten in einem künstlerischen Prozess? Die Krone, improvisiert, wohl schnell aus ˈnem Karton geschnitten, macht in dem Licht eine ganz gute Figur; genauso der rote Stoff, der barocke Falten wirft und den majestätischen Eindruck verstärkt. Der Kontrast ist groß zwischen der kargen Ausstattung, leicht schäbig, und der königlichen Pose. Die leise Ironie, beide Sphären vermittelnd, mildert die Schwere des Bildes, verleiht etwas Spielerisches.

Begrenzte Ausstattung – unendliche Würde, schlichtes Material – leuchtender Schöpfergeist. Gute Beschreibung des Menschen, seiner Register, seiner Dramen? Ähnlich wie Weihnachten: Gottmensch in der Krippe? -> heißt Menschsein, bei unendlicher Sehnsucht die Grenzen liebevoll anzunehmen?

Falls Bücher und Kleider second hand sind, haben die Farben am Meisten gekostet, sie sind der versteckte Luxus, der wahre Schatz des Künstler, dabei unverzichtbares Handwerkszeug. -> Was macht Dein Leben bunt & wertvoll, wo spürst Du Deine vitale Kraft?

Eine Menge Bücher für ein Atelier! Offensichtlich bearbeitet (steckt da nicht ein Zettel?). Sie dominieren nicht, haben aber einen bedeutenden Platz. Sie passen gut zu einem Gemälde, das auf viele kunsthistorische Motive anspielt. -> Welche Geschichten, Einsichten, Begegnungen inspirieren Dich, prägen Dein Leben?

Der dicke rote Stoff mit seinem Faltenwurf könnte gut als Detail eines barocken Meisters durchgehen. Umhang und Pappkrone bilden eine „dissonante Einheit“, so schillert die Figur zwischen stiller Würde und abgeklärter Ironie. Mir fällt Caravaggios berühmtes Selbstportrait im abgeschlagenen Haupt des Goliath ein, das schwankt zwischen authentischem Selbstausdruck und rhetorischer Inszenierung. Unser spätmodernes Lebensgefühl mag dem gar nicht fern sein, in unserem Bewusstsein, dass wir uns ständig präsentieren, inszenieren – und zugleich diese Spiele durchschauen, weil wir wissen, dass nichts nur das ist, was es zu sein scheint.

Nochmal Pappkrone: wer christliche Traditionen kennt, fühlt sich vielleicht erinnert an Ecce Homo, die Szene der Leidensgeschichte Jesu, wo diesem eine Spottkrone aus Dornen aufgesetzt wird, was er in stiller Würde erträgt.

Eine ganz eigene Facette bringt der Titel des Werks: Oblomow, nach der Titelfigur des Romans von I.Gontscharow, erschienen 1859. Die WELT bezeichnete das Werk im April als „ersten großen Corona-Roman“. Oblomow ist nämlich ein aristokratischer Faulpelz, der von der Arbeit anderer lebt und in seiner Konsequenz, wirklich nichts gebacken zu bekommen, die Selbstquarantäne ins Extrem treibt. Wie der Roman selbst (Adelskritik? Selbstbild eines Volkes? Fallstudie?) ist auch diese Anspielung äußerst deutungsoffen: setzt Schrader mit der Oblomow-Serie die Riege der Künstler*innen mit fürs BIP nutzlosen Verträumten gleich? Umgekehrt: wenn die Welt tatsächlich durch „allgemeine Dummheit und Ungerechtigkeit“ (wikipedia: -> überflüssiger Mensch) geprägt ist, dann ist der Rückzug in eine beobachtend-ironische Kunst eine gangbare Strategie, vielleicht sogar die einzig mögliche. In einer Zeit, in der jegliches Versprechen von Fortschritt skeptisch betrachtet werden muss, könnten die wahren Helden die sein, die sich friedlich im Privaten halten…

Artist | Sebastian Schrader (sebastian-schrader.de)

Erster Corona-Roman: Was wir von „Oblomow“ für unser Leben lernen können – WELT

Iwan A. Gontscharow: „Oblomow“ | NDR.de – Kultur – Buch

🤞 informiert bleiben

Wir senden keinen Spam! Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung